Großes Theater in kleiner Stadt – dafür steht die Volksbühne Friedberg seit Jahrzehnten

Als die Friedberger Volksbühne im November 1958 mit der Komödie „Die Preußen kommen“ startete, war es das Anliegen des Vereins, „den Mitgliedern auch in Friedberg bestes Theater zu bieten“. Volksbühnen sind ein Relikt der Arbeiterbewegung. Auch die „kleinen Leute“ sollten anspruchsvolle Kultur genießen können. Daran hat sich in 60 Jahren nichts geändert. Statt nach Frankfurt oder Gießen fahren zu müssen, erlebten die Zuschauer auch in Friedberg exzellente Aufführungen.

Die Liste großer Schauspieler, die in der Stadthalle ein Gastspiel gaben, ist lang: Will Quadflieg, Günther Strack, Götz George, Jürgen Prochnow, Ellen Schwiers, Marion Kracht, Martin Semmelrogge, Volker Lechtenbrink, Götz Otto, Ron Williams – das sind nur ein paar Namen, die langjährigen Besuchern spontan einfallen. Und mit allen sind magische Momente verbunden, die den Atem stocken ließen oder die Lachmuskeln strapazierten. Das Publikum hat dies über all die Jahre goutiert. Die Zuschauer kamen aus der gesamten Umgebung, aus Schotten, Ortenberg, Büdingen oder noch weiter her.

Seit Dezember 2018 befand sich der Friedberger Volksbühnenverein in der Liquidation. Nachdem kein Nachfolger für den Vorsitzenden Alt-Bürgermeister Michael Keller gefunden worden war, strich der alte Vorstand die Segel. Aus und vorbei. Aber es gab ein Hintertürchen. Finde sich noch jemand, der die Vereinsführung übernehme, werde die Liquidation rückgängig gemacht, hatte Keller im Februar gesagt.

Im Mai 2019 fand eine erneute Mitgliederversammlung statt: Erster Punkt auf der Tagesordnung: Die Liquidation wird gestoppt. Zweiter Punkt: Vorstandswahl. Bernd Baier trat an. Vor anderthalb Jahren war er Kandidat der Linken bei der Bürgermeisterwahl. „Werde ich diesmal gewählt, nenne ich mich Intendant“, scherzte Baier. Die Organisation von Kulturveranstaltungen ist ihm nicht fremd. Der Bilanzbuchhalter war in leitender Position bei der Alten Oper Frankfurt beschäftigt, ist Gründungsmitglied des Theaters Altes Hallenbad.

Dort lernte Baier Marc Rohde kennen. Der Bankkaufmann, zuletzt als Teamleiter bei der Deutschen Börse beschäftigt, ist Theatermensch durch und durch, stand als Statist mit Axel Prahl auf der Bühne, spielte in einem Orchester, arbeitet im Nebenjob für ein österreichisches Opernmagazin und war sechs Jahre lang Geschäftsführer der „Theater Altes Hallenbad gGmbH“. Er kennt sich aus mit Programmgestaltung, Künstlerbetreuung, Ticketing, Budgetplanung und Sponsorenakquise. Rohde soll als Nachfolger von Susanne Keller die Geschäftsführung der Volksbühne übernehmen. Zwar zieht er mit seiner Frau demnächst von Friedberg zurück in seine Heimatstadt Flensburg. „Ich behalte aber noch ein Bett in Frankfurt, ich werde regelmäßig vor Ort sein.“ 

Text: Jürgen Wagner / Wetterauer Zeitung